Getting Smart

                                                                                 Schramberg – von Afrika aus betrachtet

Ein Beitrag für den Kunstpreis der Stadt Schramberg 2015: „Schramberg – gesehen von Künstlerinnen und Künstlern“

2. Platz (52 TeilnehmerInnen)

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Projekt-Hängung:

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Die Vernissage war: Freitag, den 24.4.2015, 19.30 Uhr, im Stadtmuseum Schramberg im Schloß

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Bilder der Vernissage

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© Monika Biniossek

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Und ein Zeitungsartikel in einer regionalen Zeitung ist auch erschienen:

http://www.nrwz.de/aktuelles/schramberg-gesehen-von-kuenstlerinnen-und-kuenstlern/20150426-1054-87748

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Das Projekt

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Vorbemerkung:

Im November 2014 habe ich meinen Wohnsitz für über ein Jahr von Berlin nach Mombasa in Kenia verlegt. Zusammen mit Kenianischen Künstlern habe ich einen Blick von Afrika aus auf Schramberg geworfen. „Getting Smart“ ist dabei entstanden.

Überblick: -> Quellenangaben am Ende des Textes

„Getting Smart“ besteht aus drei Arbeiten, alles sog. original Mitumba-Kleider, in Europa gespendete Altkleider, die ich in Nairobi erwarb.

Der Handel mit Mitumba ist ein Riesengeschäft, das viele Händler reicht macht. Die Spender haben davon oft keine Ahnung.

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Die Künstlerin Riziki bemalt ein Second Hand T-Shirt nach Fotovorlage

Die erworbenen Altkleider ließ ich in Nairobi und Mombasa künstlerisch umgestalten indem ich Kenianische Künstler bat, meine Fotos von Schramberg auf die Kleidungsstücke zu übertragen.
Die auf diese Weise bearbeiteten T-Shirts, Hosen und Jackets schickte ich nach Schramberg zurück, woher sie möglicherweise stammten.

Name der Künstler:
Christoph Brandl, in Zusammenarbeit mit Eva Lavera, Wallace Juma, Riziki

Materialien:
Second Hand Kleider aus Baumwolle, Acryl, Öl- und Acrylfarbe, Kreide, Stickereien

Maße: ca. 2 x 2 Meter

Die Kleidungsstücke teilen sich wie folgt auf:
drei für einen Herren, zwei für eine Damen und zwei für ein Kind.

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Damenkombination

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Kinderjeans – die Farbe trocknet gerade in der Afrikanischen Sonne

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Einleitung:

Schramberg nennt sich „Little Glocal City“, ein Name, der darauf hinweist, dass Bürger und Gruppen aus der Stadt seit über 30 Jahren mit privaten Hilfsprojekten weltweit tätig sind. Schramberger geben gerne, lokales Handeln hat globale Auswirkungen. Eine erfolgreiche Aktion aus der nahen Vergangenheit trug den Titel: „Schramberger helfen Afrika“ (bis 2010).

Aktionen aus dem Jahr 2014 (Auswahl):

• Der Schramberger Sebastian Gaiser, Geschäftsführer von Pro Optik, unterstützt mit einer Brillenspende ein Projekt in Uganda

• Die Schrambergerin Louisa Glatthaar sammelt Solarlampen für ein Dorf in Ruanda

• Das Schramberger Musiklokal „Kulturbesen“ veranstaltet eine afrikanische Nacht, in der Kameruner Jazzmusiker auf lokale Größen treffen

• Die Spielvereinigung 08 Schramberg spendet Tornetze und einen Satz Trikots für die Fußballabteilung einer Schule in Tansania

• Die ÖDP sammelt über 70 alte Weihnachtsbäume in Schramberg und entsorgt sie gegen eine Spende. 350 € gehen an ein Heim in Südafrika

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Seit zwei Jahren legen die Schramberger ihre Textilien und Schuhen in neugestaltete rote Container des Deutschen Roten Kreuzes.

Doch Schrambergerinnen und Schramberger spenden nicht nur Brillen und Tornetze, sondern auch Altkleider und gebrauchte Schuhe. An mehreren Stellen in Schramberg und seinen Stadtteilen können sie Stücke abgeben, die sie aus ihren Kleider- und Schuhschränken ausrangiert haben.

Letztes Jahr spendeten Schramberger knapp 200 Tonnen Altkleider, rund die Hälfte davon war noch brauchbar. Fast zwei Tonnen ging über den DRK-eigenen Laden „Kleiderkammer Fundgrube“ an bedürftige Menschen, der Rest gelangte auf den Weltmarkt.

Circa 70 Tonnen der Schramberger Spenden gingen nach Afrika.

„Getting Smart“ im Einzelnen

Der Name:

„Smart“ meint einerseits „elegant“ und andererseits „clever“. „Elegant“ bezieht sich hier auf die Kleidung und ihren Träger, „clever“ auf die Händler, die mit der Kleidung Geschäfte machen.

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Mitumba für 30 KSH das Stück (= 30 cent/€) – nach dem Auspacken der Bündel

„Getting Smart“ – Elegant:

In Afrika bekommen Altkleider einen neuen Namen, sie heißen hier Mitumba, Suaheli für: Bündel. Bündel weist auf ihre Beschaffenheit hin, wenn sie auf den Kleidermärkten in Daressalam, Tansania und in Nairobi, Kenia, anlanden – zusammengepresst zu riesigen Bündeln.

Überall in Kenia ist das Bedürfnis groß, sich hübsch zurecht zu machen, gut auszusehen, sich smart zu kleiden. Bereits im vorkolonialen Afrika, also zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert, bestand eine enge Verbindung zwischen dem Besitz und dem Tragen von erlesener Kleidung und dem damit verbundenem Reichtum und der Macht des Trägers.

Auch westliche Kleidung fand bereits lange vor der Kolonialzeit Einzug nach Afrika, spätestens jedoch mit den europäischen Missionaren. In der Folgezeit wurde Kleidung ein wesentlicher Bestandteil der Missionierung durch die Europäer. Im Zuge der Missionierung kam es zur Einführung westlicher Kleidung, welche als Zeichen des Fortschritts und der Entwicklung gelten sollte. Nur, wer sich gut kleidete, würde auch ein guter Christ sein, hieß es damals. [6].

Während der Kolonialzeit wurde Kleidung zu einem entscheidenden Exportgut der Europäer nach Westafrika. 7]. Es wurde zur Norm, den westlichen Kleidungsstil zu übernehmen, was als modern und somit erstrebenswert galt, da es den eigenen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft festigte[8].

Westliche Kleidung wurde in den Folgejahren ein schichtübergreifendes, integriertes Konsumgut und Bestandteil der afrikanischen Gesellschaft: Zu jenem Zeitpunkt war Kleidung schon lange nicht mehr nur eine Notwendigkeit für die Bevölkerung, sondern vor allem einem kulturellen Verlangen geschuldet.

Als Mitumba Anfang der 90-er Jahre nach Kenia kam, schien es die Lücke zu schließen zwischen dem Verlangen nach adretter, smarter Kleidung und der Geldnot vieler Menschen. Plötzlich konnte sich jeder smart clothes leisten, und dieser Eindruck besteht bis heute: Kenianer sind stets ausgesprochen hübsch gekleidet, vom Gärtner, über die Verkäuferin bis zum Anwalt. Jeder, wirklich jeder trägt Mitumba.

Doch viele der Armen können sich überteuerte Qualitätsmitumba z.B. aus Deutschland nicht leisten, da an Kleidung zu allererst gespart wird, wenn das Geld knapp ist.

Für sie bleibt dann nur, sich in Billigmitumba aus Fernost zu hüllen.

hochwertige Mitumba
Auch feine, teure Stoffe findet man auf Gikumba

„Getting Smart“ – Clever:

Auf dem Gikumba Markt in der Mitte Nairobis, einem der weltgrößten Kleidermärkte, arbeiten 100.000 Menschen, die umgerechnet 60.000 € erwirtschaften. Täglich. Ein Bündel Mitumba, das aus der westlichen oder asiatischen Welt kommt, kann hochwertige Ware enthalten, die in Boutiquen rund um den Markt Höchstpreise erzielt.

Die hochwertigste Ware kommt aus Deutschland.

Eine deutsches Kilogramm Mitumba ist hier 1€20 wert. Das DRK in Schramberg hingegen verkauft ein Kilogramm nur für wenige Cent, allerdings unsortiert. Die Wertsteigerung kommt dadurch zustande, dass eine der Abnehmerinnen der DRK-Spenden, die Firma SOEX, die das weltgrößten Altkleidersortierwerks in Wolfen, Sachsen-Anhalt betreibt, auf der ganzen Welt dafür bekannt ist, dass sie mangelhafte Kleidung gründlich aussortiert und nur Crème-Ware verkauft, also Kleider und Schuhe von allerbester Qualität.

Die Wertsteigerung kommt vor allem aber auch dadurch zustande, dass jeder Zwischenhändler auf dem Weg nach Nairobi selbstverständlich mitverdient: der Italiener, der die Ware aus Wolfen ankauft, der Libyer, der sie von Italien aus nach Mombasa verschifft, der Kenianer, der sie schließlich nach Nairobi bringt und dort meistbietend weiterverkauft.

Böse Stimmen behaupten, internationale Kleiderspenden auch aus Deutschland haben die nationale Textilindustrie in Kenia dauerhaft zerstört (und die in Tansania ebenfalls). Das ist nicht ganz wahr. Vielmehr haben Stromausfall, Wassermangel, mangelhafte Wartung der Maschinen und Misswirtschaft, genauso zum Niedergang der Industrie beigetragen wie gestiegene Baumwollpreise, bzw. erschwerte Anbaubedingungen von Baumwolle.

Und eben Mitumba.

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Eva Lavera und Wallace Juma kaufen ein

Die Umsetzung:

Zwei der drei beteiligten Künstler, Eva Lavera und Wallace Juma gingen mit mir Mitte Januar 2015 auf dem Gikumba einkaufen. Diese beiden und Riziki, eine Malerin aus Mombasa, übertrugen anschließend Fotos auf die Kleidung, die ich Anfang November 2014 in Schramberg gemacht habe. Die Künstler waren frei in der Wahl der Kleider, in ihrer künstlerischen Gestaltung und in der Interpretation der Bilder. Sie konnten aus 12 Fotos auswählen.

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Beim Fotografieren in Schramberg

Eva Lavera, Fashion Designerin, war hauptverantwortlich für den Kauf der Kleider. Nach dem Erwerb ubcyclete sie diese, was bedeutet, dass sie aus niederwertiger Kleidung durch künstlerische Eingriffe hochwertige Einzelstücke entstehen ließ. Sie bestickte den Rücken des roten Jacketts und legte Gebrauchsspuren auf die T-Shirts, die sich zusammen mit den Bemalungen zu einem Ganzen vermischen sollen: einer Leinwand.

Wallace Juma, Maler und Graphiker, bemalte Mütze und Herrenjeans, erstellte die Kohlezeichnungen, sowie die Collage auf dem Jackett.

Riziki, Malerin und ebenfalls Fashion Designerin, bemalte Männer T-Shirt und Kinderjeans und nähte Wallaces Arbeiten auf die einzelnen Kleidungsstücke auf.

Die Hängung der Arbeit:

Die drei Arbeiten sollten nebeneinander im Raum von der Decke hängen, derart, dass man um die Arbeiten herum gehen kann. Gehängt werden sollten sie „lebendig“, als ob unter ihnen Schaufensterpuppen steckten (s. Skizzen):

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Herrenoutfit

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Damenoutfit

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Kinderoutfit

Fazit:

Schramberg – Little Glocal City: Wer es möchte, dem wird es gelingen, seine Kleider nicht länger anonym zu spenden, sondern gezielt einem Kinderheim, einer Schule, oder einem Krankenhaus in Afrika zu übergeben.

Quellenangaben:
Alle Zahlen sind ungefähre Angaben, sie stammen vom Blog: altkleiderspenden.de
Hansen, Karen Tranberg (2000): Salaula. The World of Secondhand Clothing and Zambia, Chicago: University of Chicago, S. 24 ff, 115 f

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