Transience

Transience, 2014, Fotografie, Installation

english version at the end

Die Photos ohne Text finden Sie hier/the photos without text you find here:

Die Glashütte sieht von weitem betriebsam und geschäftig aus. Die Außenwände sind renoviert und bunt gestrichen. Schade, denke ich, denn als ‚lost place’ kommt sie so nicht infrage. ‚Lost Places‘ sind Gebäude, die ehemals schön und strahlend waren, heute aber kaputt und verlassen sind. Die populären Heilstätten von Beelitz sind ein solcher Ort.

Ich bin an der deutsch-tschechischen Grenze unterwegs, weil ich hoffe, ein paar Aufnahmen zu machen, um mich mit diesen an einem Fotowettbewerb zu beteiligen.

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Als ich die Glasfabrik langsam passiere, bemerke ich ein eingeschlagenes Fenster in einem der oberen Stockwerke. Ich bezweifle, dass diese Fabrik noch so intakt ist, wie es anfangs schien.

Nach einigem Suchen finde ich den Eingang zu einer Art Glasabfertigungshalle. Die Tür steht offen, im 4. Stock finde ich das eingeschlagene Fenster. Die Sonne bestrahlt einen Raum, in dem Geröll, Dreck und Staub auf halbfertigen Gläsern liegen: halblackiert, ohne Stil, ohne Schliff. Eine Zeitung von 1993 liegt auf dem Boden, in einer Ecke ist eine Vase umgefallen. Es erinnert mich an Pompeij, wo mit dem Ausbruch des Vesuvs das Leben jäh zum Erliegen kam.

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250 x 150 cm, Aludibond, hinter Acrylglas

Diese Glashütte hat eine spannende Geschichte zu erzählen, das wird mir klar. Allerdings tut sie dies nicht laut und vernehmlich, sondern leise, beinahe stumm. Man muss nach der Geschichte suchen. Die Glashütte ist der erste Ort, den ich „whispering place“, also „flüsternden Ort“ nenne:

Ich befinde mich in einer einst gut gehenden Glasmanufaktur, die Gläser aller Art produzierte und in die ganze Welt lieferte: an Karstadt, an WMF, an türkische und italienische Kaufhäuser, an internationale Sammler und Privatpersonen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hatte Pavel Povorznik in der Kristallglasraffinerie an einem Ofen mit drei Häfen und fünf Glasmacher-Werkstellen weißes und überfangenes Bleikristallglas gefertigt. Angegliedert war auch eine Hüttendekoration mit Glasschliff, Glasmalerei und Säure-Polituranlage.

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60×60 cm, Aludibond, hinter Acrylglas

Nach der Wende übernahm Karl Krüger sen. die Glashütte. Das Unternehmen beschäftigte damals fast 100 Leute. Sein Sohn folgte ihm als Besitzer.

Der Schicksalstag für die Glashütte war ein Februarmorgen vor ein paar Jahren. In einer Stunde hatte es derart viel geschneit, dass mehrere Produktions- und Abfertigungshallen unter der Schneelast zusammenkrachten. Bestellungen im Wert von über einer Millionen D-Mark wurden auf einen Schlag vernichtet. Das Unternehmen war pleite.

Karl Krüger jun. beging drei Jahre nach der Schneekatastrophe Selbstmord. Er erhängte sich in der Fabrik.

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90 x60 cm, Aludibond, hinter Acrylglas

Heute ist das Werk immer noch nicht verkauft, weil das bleihaltige Erdreich nach neusten Umweltgesetzen auf ca. 1000 ha mehrere Meter abgetragen werden muss. Dies wollte bisher kein potentieller Käufer tun. Die Maschinen in einigen Produktionshallen sind immer noch einsatzbereit. Es regnet und schneit durch undichte Dächer, auf mehreren Etagen stehen Dutzende von Gläsern.

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60 x 60 cm, Aludibond, hinter Acrylglas

Ab Samstag, 31.5.2014, 17 Uhr, sind diese und andere Fotos und Objekte in der Ausstellung: ‚arte nell’officina – Kunst in der Werkstatt‘, im Freni & Frizioni, Pariserstraße 18 a, in 10707 Berlin zu sehen:

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English Version:

From the street this glass factory on the German Glass Road by Zwiesel in Bavaria seemed busy and active. The outside walls looked newly renovated and painted.

Appearances are deceptive.

As I was slowly passing the glass factory in my car I realised a broken window on one of the upper floors. I looked closer and decided that this business was not as much intact as it first seemed. I turned my car and rolled on to the factory premise.

I searched for an entry.

After a moment of looking around I discovered an open door, which led into a big production hall. Inside a door stood open leading me to the forth floor. There I found the cracked window.
Sunlight fell on a room, in which debris, dirt, stones and dust covered half-finished glasses, half-lacquered, without stems or polish, in a corner a couple of vases had fallen down and broken. A news paper on the floor showed the year: 1993. The entire place reminded me of Pompeii, no less, where during the eruption of the Vesuvius equally life had come to a standstill.
As it turned out, I was standing in a once well-off glass factory, which had produced many different types of glass for clients all over the world: the KaDeWe, Macy’s in New York, Harrrods in London, Turkish and Arabic department stores, museums in Italy, international collectors and buyers.

But what happened?

I decided to deepen my research.

Since early 20th century in this crystal glass refinery a man named Pavel Povorznik produced white and trapped lead crystal glass initially using one oven and five glass maker workspaces. Adjacent to the refinery were situated a glass polish, glass painters, and glass engravers.
After the Berlin wall had come down Karl Krüger sen. took over the the glass foundry, which employed over 100 people at that time. Karl Krüger jun. followed his father.
The fateful day came in February, 2004. In one hour during the morning of the 10th it had snowed so much that several roof tops in different production halls gave way to the masses of snow and caved in burying the production in the excess of a couple of million D-Mark. With one fell swoop the company was bankrupt.
Three years after the catastrophe Karl Krüger jun. committed suicide. He hung himself on the cross of a window.

Why a paper from 1993 was lying on the floor I never found out.

This series consist of 9 pictures.

They are C-Prints on Fuji Crystal Archive on AluDidbond with an acrylic glass finishing.

The pictures come in different sizes:

250×150 cm
105×67 cm
90×60 cm
60×60 cm
60×40 cm

Edition 2/3 + 1 AP.

Originated: Germany, 2014

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